Lisbeth Sachs (1914–2002)

Geb. 12. Mai 1914 in Neuenhof bei Baden, gest. 13. August 2002 in Zürich

Als eine der ersten selbständigen Architektinnen der Schweiz nahm Lisbeth Sachs eine Pionierrolle ein. Sie wuchs in einem gleichermassen musisch wie technisch orientierten und sozial engagierten Elternhaus auf, was ihr Berufsleben prägte. Von 1934 bis 1939 studierte sie an der Architekturabteilung der ETH Zürich unter anderem bei William Dunkel, Friedrich Hess und Otto Rudolf Salvisberg, bei dem sie auch diplomierte. Ihre Praktika absolvierte sie bei Sven Ivar Lind in Stockholm und Alvar Aalto in Helsinki. Während im Büro Linds ihr Faible für Konstruktion zum Tragen kam, beeindruckte sie bei Aalto insbesondere dessen organische Auffassung vom Bauen. Reminiszenzen beider Ausrichtungen enthält kurz darauf ihr Debütwerk, das Kurtheater in Baden. Als frischdiplomierte Architektin hatte Sachs im Oktober 1939 den Wettbewerb gewonnen. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und die finanziell angespannte Situation der Stadt Baden wie auch der als Bauherrin figurierenden Theaterstiftung verzögerten die Realisierung jedoch um mehr als ein Jahrzehnt. Die Grundsteinlegung erfolgte erst im Dezember 1950, im März 1952 wurde das Haus eröffnet. Da man ihr als Frau die Ausführung eines derart repräsentativen Gebäudes nicht zutraute, wurde ihr der zweitplazierte Otto Dorer als beratender Architekt zur Seite gestellt.

Während der langwierigen Überarbeitung der Pläne für das Kurtheater realisierte Sachs zwei Einfamilienhäuser und hielt sich mit kleineren Anbauten, Renovationen und Innenausbauten sowie publizistischer Tätigkeit für die Zeitschrift Werk über Wasser. Ausserdem verdingte sie sich zeitweise bei anderen Architekten wie Hans Brechbühler, Hermann Baur oder Roland Rohn und assistierte 1945 Alfred Roth beim Bau des Hauses für Hélène de Mandrot in Zürich. Schliesslich reiste sie in die USA, wo sie den Sommer 1949 in Frank Lloyd Wrights Atelier Taliesin East bei Spring Green in Wisconsin verbrachte. Wright war für sie fortan eine weitere einflussreiche Grösse.

Trotz der erfolgreichen Vollendung des Kurtheaters und der Beteiligung an etlichen Wettbewerben stockte der Auftragseingang in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre, weshalb Sachs 1956 eine Anstellung als Assistentin von Max Werner, dem Leiter des Büros für Orts- und Regionalplanung des Kantons Zürich, annahm. Das nunmehr sichere Einkommen nutzte sie, um ihr Büro von Ennetbaden, wo sie während Jahren in der elterlichen Wohnung gearbeitet hatte, nach Zürich zu verlegen.

1958 folgte ein weiterer Höhepunkt in ihrem Schaffen: Mit ihren Vorschlägen für die Gesamtplanung der zweiten Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) in Zürich kam sie zwar nicht zum Zuge, und Chefarchitektin wurde schliesslich Annemarie Hubacher. Lisbeth Sachs wurde jedoch mit der Gestaltung der Kunstpavillons und der Städtebau-Ausstellung betraut. Danach machte sie sich erneut selbständig.

In den 1960er Jahren konnte sie diverse Einfamilienhäuser ausführen. Daneben beteiligte sie sich unermüdlich an Wettbewerben – vor allem für Siedlungen, Schulhäuser, Kirchen und Theater. Die Wahl der Bautypen war nicht zufällig. Denn der Wohnraum, der für sie eine «Werkstatt für das Leben» sein sollte, lag ihr ebenso am Herzen wie die Bildung junger Menschen und die Selbstreflexion, zu der sie liturgisches Geschehen und das Spiel auf der Bühne anzuregen schien.

Die Kardinaltugenden guten Bauens waren für sie zeitlebens, Räume für Kreativität und sozialen Austausch zu schaffen sowie das konstruktive Handwerk zu beherrschen. Letzteres hatte sie sich schon während des Studiums durch ein Praktikum bei einem Zimmermann angeeignet. Als treibende Kraft fungierte in beiden Fällen das organische Moment, das für Lisbeth Sachs sowohl eine formale als auch eine prozesshafte Komponente umfasste. Organisch zu bauen, hiess für sie, in der Natur vorkommende zelluläre Strukturen zu adaptieren, die Verbindung mit der Landschaft zu suchen und ökologische Kriterien zu berücksichtigen, ebenso aber nach Materialgerechtigkeit zu streben oder den Nutzern besagte «Werkstatt für das Leben» zu kreieren.

Exemplarisch zeugen davon die «seesternartige» Stahlkonstruktion über dem verglasten Pavillon des Kurtheaters, die von der Raumbühne inspirierten Wettbewerbsprojekte für ein Doppeltheater in Basel (1953) und für das Stadttheater Winterthur (1966) oder die kosmische Kuppel des Kirchenprojekts für Untersiggenthal (1961). Das Ferienhaus Strauss am Hallwilersee (1963–1967) und das Wohnhaus Bühler im basellandschaftlichen Blauen (1969) ducken sich unter zeltartige Dächer, während die Siedlung Schwalbenboden-Höfli in Wollerau (1972–1978) den Hang nachzeichnet. Über die Kunstpavillons der SAFFA (1958) spannte sie Leichtbauschirme, und für das Jugendhaus in Zürich (1971–1981) war eine Holzgitterschale vorgesehen.

Das Projekt für ein Jugendhaus, das sie seit 1971 aus eigenem Antrieb heraus verfolgte, verband sie mit einem emphatischen Appell, «den Problemen der Jugend förderlich gegenüber zu stehen». Nicht minder setzte sie sich für die Gründer der experimentellen Kunstschule F+F (Farbe und Form) und deren Auffassung von «Kunst als Forschung» ein. Auch in der Architektur schätzte Sachs neben der organischen die experimentelle Herangehensweise, weshalb sie in ihren Schriften nicht nur Alvar Aalto, sondern auch Pier Luigi Nervi und ganz besonders Frei Otto würdigte. Ein bereits weit gediehenes Buchprojekt über Frei Otto scheiterte letztlich.

Mit ihrer publizistischen Tätigkeit für Fachzeitschriften wie Werk, archithese, Schweizerische Bauzeitung und Publikumszeitungen wie die Neue Zürcher Zeitung schuf sich Sachs nicht nur ein zweites berufliches Standbein, sie trat damit auch dezidiert für ihre unkonventionellen Überzeugungen ein.

Rahel Hartmann Schweizer

Zitierweise: Rahel Hartmann Schweizer, Bestandsbeschrieb Lisbeth Sachs, in: Website gta Archiv / ETH Zürich, Februar 2019, http://www.archiv.gta.arch.ethz.ch/nachlaesse-vorlaesse/sachs-lisbeth.

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Bestand


Der Nachlass von Lisbeth Sachs enthält Material zu rund 115 Bauten und Entwürfen sowie einigen Designobjekten in Skizzen, Plänen, Fotografien, Modellen und schriftlichen Zeugnissen. Ein umfangreiches Konvolut beinhaltet Dokumente von Sachs’ publizistischer Tätigkeit. Ebenso sind ihre beachtliche Korrespondenz aufbewahrt sowie grössere Themenkonvolute unter anderem zum Theaterbau, zu Alvar Aalto sowie Frei Otto, zu dem Sachs ein Buchprojekt ausgearbeitet hatte. Das Material ist vollständig geordnet und objekt- oder konvolutweise in der Datenbank erfasst.
Der Bestand umfasst:
  • 4 Planschubladen
  • 46 Planrollen
  • 6 Laufmeter Archivschachteln und Ordner
  • 22 Modelle


Ausgewählte Literatur


Eigene Schriften
  • Studentenheim des Massachusetts Institute of Technology, Cambridge (USA). Oktober 1947/Juni 1949, Prof. Alvar Aalto, Architekt, Helsinki, in: Werk, 37 (1950), Nr. 4, S. 97–102.
  • Gedanken über Architektur anlässlich von Entwurf und Bau des neuen Kurtheater, in: Badener Neujahrsblätter, 28 (1953), S. 34–37.
  • Laie und Architekt – ihr Verhalten zur heutigen Kunst und Architektur, in: Schweizerische Bauzeitung, 72 (1954), Nr. 3, S. 177.
  • Lisbeth Sachs, Theaterbau heute und morgen, in: Mitteilungen der Schweizerischen Gesellschaft für Theaterkultur, 6 (1954), Nr. 3 (Juli), o. S.
  • Architektin Lux Guyer †, in: Werk, 42 (1955), Nr. 8: Sozialer Wohnungsbau in Italien, S. *173*–*174*.
  • Ueber das Neue Bauen in alten Stadtkernen [Projektwettbewerb für einen Neubau der Liegenschaft «Samen-Mauser» an der Wühre in Zürich 1], in: Schweizerische Bauzeitung, 82 (1964), Nr. 9, S. 151–152.
  • Die Dächer von Frei Otto, in: Werk, 57 (1970), Nr. 11: Expo 70 – Die letzte Weltausstellung, S. 734–741.
  • Nervi, Pier Luigi, in: werk-archithese, 66 (1979), Nr. 27–28: Heim + Heimat / Logis + Patrie, S. 89.
  • Sehnsucht nach Raum? Notizen zur Architektur am Beispiel Zürichs, in: Schweizer Monatshefte. Zeitschrift für Politik, Wirtschaft, Kultur, 68 (1988), Nr. 11, S. 897–900.
  • Verwirrte Architekturen – wohin?, in: Schweizer Monatshefte. Zeitschrift für Politik, Wirtschaft, Kultur, 71 (1991), Nr. 10, S. 775–777.

Sekundärliteratur
  • Walter Henauer, Fritz Metzger, Teo Otto, Wettbewerb für ein Kurpark-Theater in Baden, in: Schweizerische Bauzeitung, 115/116 (1940), Nr. 2, S. 19–21.
  • Das neue Kurtheater in Baden. 1950/52, Architektengemeinschaft Lisbeth Sachs SIA und Otto Dorer SIA, Baden, in: Werk, 39 (1952), Nr. 9: Bauten des kulturellen Lebens, S. 286–290.
  • Evelyne Lang Jakob, Les Premières Femmes architectes de Suisse, Diss., EPF Lausanne 1992.
  • Uli Münzel, Die ehemaligen Theatergebäude in Baden, in: Badener Neujahrsblätter 28 (1953), S. 28–34.
  • Karl Surläuly, Emil Baldinger, Paul Faber und Hans Ott, Badener Theaterstätten, Baden 1962.
  • Ursina Jakob, Ein Frauenleben für die Architektur. Lisbeth Sachs zum 80. Geburtstag, in: Werk, Bauen + Wohnen, 81 (1994), Nr. 6, S. 78.
  • Karin Dangel, Saffa 1958 – Expo 2001. Ausstellungsarchitektur einst und heute, in: Schweizer Ingenieur und Architekt, 115 (1997), Nr. 46, S. 4–10.
  • Evelyne Lang Jakob, Zu Leben und Werk von Lisbeth Sachs, in: TEC21, 128 (2002), Nr. 43, S. 32–33.
  • Theaterstiftung Baden (Hg.), 50 Jahre Kurtheater Baden 1952–2002, Baden-Dättwil 2002.
  • Stanislaus von Moos, Doyenne der Schweizer Architektinnen, in: werk, bauen + wohnen, 89 (2002), Nr. 10, S. 2–3.
  • Bruno Maurer, Lisbeth Sachs 1914–2002, in: Badener Neujahrsblätter, 78 (2003), S. 222–226.
  • Rahel Hartmann Schweizer, Dreh- und Angelpunkt, in: TEC21, 131 (2005), Nr. 35: Lisbeth Sachs und Peppo Brivio, S. 5–11.
  • Dies., Pfahlbau und Zelt für Feriennomaden, in: TEC21, 131 (2005), Nr. 35: Lisbeth Sachs und Peppo Brivio, S. 14–17.
  • Fabian Furter, Das Kurtheater Baden und seine Architektin Lisbeth Sachs, Liz.-Arbeit, Universität Zürich 2007.