Justus Dahinden (*1925)



18.5.1925 (Zürich)

Justus Dahinden diplomierte 1949 bei Hans Hofmann an der ETH Zürich. Nach dem Studium fand er eine Anstellung bei William Dunkel (u.a. Mitarbeit am Stadionprojekt Oktogon, 1953). Von 1949–52 war er Assistent an Dunkels Lehrstuhl an der ETH Zürich und promovierte an diesem 1956 zum Thema «Versuch einer Standortbestimmung der Gegenwartsarchitektur». Seit 1955 hatte er sein eigenes Büro in Zürich. Dahinden hat zahlreiche Schriften verfasst, unter anderem zum Kirchenbau und zu städtebaulichen Themen. Seine theoretischen Schriften sind oft im Zusammenhang mit eigenen Projekte entstanden.

Bereits mit seinem ersten Bau, dem Zelthaus auf der Rigi (1955), machte Dahinden deutlich, dass er sich der Dogmatik des rechten Winkels zu entziehen gedachte. Die Abgrenzung zur Formensprache der Moderne schlägt sich auch in seinen Schriften nieder, in denen er die Technokratie und den Funktionalismus des Neuen Bauens heftig kritisiert. Dem Anspruch der Moderne, dass die Wirkungsmacht der Architektur den Menschen krank bzw. gesund mache, bleibt er hingegen treu. Für Dahinden sind Gebäude nicht als singuläre Werke innerhalb einer gebauten Umwelt zu verstehen, sondern verfügen über die Möglichkeit, einen gesellschaftlichen Wandel zu unterstützen und voranzutreiben.

Dahindens theoretische Grundlagen für seine Entwürfe finden sich in seinen zahlreichen Schriften. Sein Ziel ist ein ganzheitliches, harmonisches Mensch-Raum-Verhältnis, das er wegleitend an vier Komponenten festmacht: dem Architekten Bruno Taut (Ganzheitlichkeit der Architektur), dem islamischen Stadtwesen (das nicht nur äusserlichen Regeln, sondern einer inneren Ordnung folge und das profanes und religiöses vereinend die Gemeinschaft als Lebensform konstituiere), der Lehre Rudolf Steiners (Ganzheitlichkeit der menschlichen Kreativität) und im Stadtexperiment der «Weltgemeinschaft» in Auroville (Indien), die 1968 gegründet wurde (die spirituelle Erfahrung im Mitdenken des Universums als Bestandteil des Seins).

In den 1960er Jahren baute Dahinden zahlreiche Kirchen, wobei er sich an den Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzil orientierte. Er vermied langgezogene Kirchenschiffe und entwarf Räume, die Pfarrer und Gläubige zu einer Gemeinschaft vereinten. Exemplarisch kann das am kreisförmigen Grundriss der Pfarreikirche St. Antonius (1965–1969) in Wildegg aufgezeigt werden oder an der Pfarrkirche Maria Krönung (1960–1965) in Zürich-Witikon. In beiden Kirchen sind die Kirchenbänke im Halbkreis um den Altar angeordnet. Kirchenbau war für Dahinden eine universale Bauaufgabe, die ihn bis nach Afrika führte. Seine Leitgedanken zur «veränderten Kirche», die seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vermehrt den Dialog suchte und weniger mit autoritativen Mitteln missionierte, publizierte er 1966 in «Bauen für die Kirche in der Welt». Dahinden war wie auch Hermann Baur und Fritz Metzger Mitglied der Vereinigung Bund der Missionsarchitekten BMA.

In Afrika und im Iran beschäftigte sich Dahinden mit vernakulärer Architektur, wobei ihm die Mithilfe der lokalen Bevölkerung ein besonderes Anliegen war. In diesem Zusammenhang spricht er von einer «Akkulturation der Architektur» und meint damit eine orts- und klimaspezifische ganzheitliche Baukultur, die mit Hilfe von neuen Technologien auf Traditionen beruht. Unter diesen Prämissen entstanden in Uganda das Gemeindezentrum von Mityana (1965–72) und die Kathedrale von Namugongo (1973). Das zusammen mit Heinz Isler entwickelte und als erdbebensicher bezeichnete Bubble-System orientiert sich am iranischen Kuppelbau sowie auch an einer traditionellen, zum privaten Hof hin angelegten Raumanordnung.

Mit modularen und additiven Bausystemen entwickelte Dahinden Entwürfe, Bauten und Stadtvisionen, die sich vom Einfamilienhaus bis zu grossstädtischen Anlagen entwickeln lassen. Beispiele sind das Trigon-System (u.a. Trigon Dorf Cala en Bosc Menorca, 1971–73, Trigon Dorf Doldertal 1966–69), das Quadrivium-System für flexible Museumsstrukturen oder das Cubo-Bausystem für öffentliche Grossbauten oder mehrgeschossige Reihen- wie Einfamilienhäuser. Ferner entwarf er unter anderem zusammen mit Walter Jonas schwimmende Strukturen. Dahindens technologische Stadtvisionen wie Radio City (1968–70) und Kiryat Ono (1969–71) basieren auf modularen Einheiten, die beliebig wachsen können. Der Aufbau dieser hügelförmigen Elemente soll die «inhumane Vertikaldimension» vermeiden und Privat- und Öffentlichkeit sichtbar trennen.

Für Aufsehen sorgte Dahinden aber nicht nur mit architektonischen Utopien, sondern auch mit markanten Bauten wie der «Freizeitstadt» Schwabylon in München (1974) oder dem Ferrohaus (1965–70) in Zürich, bei dem er mit der Rückstaffelung der oberen Geschosse auf die Bauvorschriften reagierte.

Dahinden wurde 1974 als ordentlicher Professor an die Technische Universität Wien berufen. In den 1980er und 90er Jahren erhielt er diverse Ehrendoktor-Würden, u.a. 1985 der Fakultät für Architektur und Städtebau der Universität von Buenos Aires, sowie zahlreichen Preise wie etwa 1981 den Grand prix d’architecture du cercle d’etudes architecturales für das Ferienzentrum Twannberg.

Muriel Pérez

Zitierweise: Muriel Pérez, Bestandesbeschrieb Justus Dahinden, in: Website des gta Archivs / ETH Zürich, September 2017, https://archiv.gta.arch.ethz.ch/nachlaesse-vorlaesse/dahinden-justus-1925
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Bestand


Das gta Archiv ist im Besitz von Plänen, Akten und vereinzelten Modellen zu Bauten und Entwürfen sowie Schriften, Vorträge und Ausstellungsprojekte. Auch Materialien zur Lehre befinden sich im Archiv.
Einzelne Pläne werden im Architektur Zentrum Wien und zahlreiche Dokumente weiterhin im Atelier Dahinden Zürich-Zumikon aufbewahrt.


Auswahlbibliographie


Eigene Schriften
  • Justus Dahinden, Versuch einer Standortbestimmung der Gegenwartsarchitektur, Zürich 1956.
  • Justus Dahinden, Bauen für die Kirchen in der Welt, 1966 Zürich.
  • Justus Dahinden, Stadtstrukturen für morgen. Analysen, Thesen, Modelle, Teufen/Stuttgart 1971.
  • Justus Dahinden, Denken, Fühlen, Handeln, Stuttgart/Lausanne/Paris 1973.
  • Justus Dahinden, Architektur, Stuttgart/Zürich 1987.
  • Justus Dahinden, Architektur – Form und Emotion, Stuttgart 2014.

Literatur
  • Fabrizio Brentini, Bauen für die Kirche. Katholischer Kirchenbau des 20. Jahrhunderts in der Schweiz, 1994 Luzern.
  • Fabrizio Brentini, Justus Dahinden, in: Rucki/Huber, Architektenlexikon der Schweiz, Basel/Boston/Berlin 1998, S. 139–40.
  • Klaus Kaiser, Architekten: Justus Dahinden, Stuttgart 1989.
  • Max Stierlin, 50 Jahre gemeinsam unterwegs. Festschrift zur 50-Jahr-Feier der Gründung von Pfarrei und Kirchgemeinde Maria Krönung Zürich-Witikon und des Kirchenbaus, Zürich 2015.


Hören Sie hier Justus Dahinden im Gespräch mit Laurent Stalder.